Erinnerungen eines lieben Hundes (Teil 1)

Mein Leben begann sehr angenehm. Ich war einer von sechs Welpen. Meine Mutti kümmerte sich sehr um uns und mein Papa, na ja der war froh, dass Mama uns Wärme und Essen gab. So verlebte ich meine ersten Wochen und eines Tages hörte ich eine nette Frauenstimme sagen, der ist der ruhigste von allen. Den könnten wir nehmen. Ich hatte noch keine Ahnung, wer mit der gemeint war. Doch das sollte sich schnell herausstellen. Mit der war ich gemeint.

Die nette Stimme und die Stimme des jungen Mannes, der sie begleitete kam schon ein paar Tage später wieder und ich hörte, wie sie sagte, wir zeigen ihn mal unserem „Papa“ damit er ihn mal kennenlernt.  Papa war nämlich skeptisch und wollte mich eigentlich nicht. Also wurde ich hochgenommen und über den Hof in das Haus nebenan gebracht. Da war er nun, der „Herr des Hauses“ (hihihi). Ich lag auf seiner Hand und hörte ihn sagen, „wehe du pisst mich an, dann werden wir keine Freunde“. Aber woher denn, ich zog alle Register, die ich in den bisherigen Wochen meines jungen Lebens gelernt hatte. Ein tiefer süßer nicht zu überbietender Blick, dazu ein Gähnen und eine Vorderpfote dabei ausstrecken, das funktioniert fast immer. So auch bei W. er war hin und weg, gab es zwar noch nicht zu, doch ich merkte es. Aber an diesem Tag kehrte ich zu meiner Mama und den Geschwistern zurück.

Nach acht Wochen kam der große herzzerreißende Abschied. Ich sollte zu meinem Herrchen kommen und meine Geschwister und Mama verlassen. Also ging es ab ins neue Heim. Dort erwarteten mich nicht nur W. der Herr des Hauses (hihihi), sondern auch zwei Katzen. Na das kann ja lustig werden dachte ich mir, da können wir gleich spielen. Irgendwie schien es mit der Kommunikation jedoch nicht zu funktionieren. Ich hob die Pfote, um sie zum Spielen zu animieren und die Katze fauchte. Die Katze hob die Pfote, ich glaubte sie wolle spielen und was war? Ich fing mir eine ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriffen hatte, das Pfotenheben für Katzen eine ganz andere Bedeutung hat als für uns Hunde.

Doch mit der Zeit funktionierte es ganz gut. Sehr freundlich fand ich, dass die Katzen mir stets etwas von ihrem Futter übrig ließen. Auch hier irrte ich gewaltig, sie hatten sich einen Happen für später aufgehoben. Tja der war weg und ich muss sagen das Futter war gut.

Mit der Katze verstand ich mich nicht so gut, aber der Kater war ein toller Typ. Mit dem konnte ich viel spielen. Allerdings brachte mir die Katze auch benehmen bei. Na ja versucht hat sie es jedenfalls.

Leider war unser zusammenleben nur kurz, die Katze wurde sehr krank und eines Tages war sie weg. Ich wusste natürlich noch nichts von der Endlichkeit des Lebens. Leider war auch der Kater schon sehr betagt und so dauerte es nicht lange und meine Spielgefährden waren im Katzenhimmel.

Herrchen bemühte sich in dieser Zeit sehr mir viel beizubringen, aber meine eigentliche Bezugsperson war Frauchen. Mit ihr ging ich viel Gassi und sie brachte mir Sitz und Platz bei und wie ich stubenrein werde. Auch wenn ich anfangs nicht so recht den Sinn dieser Übungen erkannte, so freuten sich alle, wenn ich die Befehle befolgte.  Und Leckerlis gab es auch noch.

So vergingen die Wochen und ich war sehr zufrieden mit meinem Heim. Mittlerweile hatte ich auch W. um die Pfote gewickelt, und er fing an, mit mir Gassi zu gehen. Also drei Menschen die zu unterschiedlichen Zeiten mit mir Gassi gingen. Hundeherz was willst du mehr?

Aber eines Tages veränderte sich etwas. Herrchen war aufgeregt und Frauchen, die Mutter von Herrchen, und W., der Vater von Herrchen, sprachen auf Herrchen ein, er solle sich das überlegen und ob er es tatsächlich machen möchte. Ich verstand nicht, worum es ging, ahnte allerdings, dass sich etwas verändern würde. Einige Tage später kam der erste wirklich traurige Tag in meinem jungen Hundeleben. Herrchen verlies uns, um zur Bundeswehr zu gehen. Ich saß nachts einsam und verlassen im Flur unserer Wohnung und jaulte die Tonleiter rauf und runter. Bis W. aus dem Schlafzimmer kam, um mich zu trösten. Das war wohl der Anfang der engeren Bindung zu W.

Aber schon Wochen später besuchten wir Herrchen denn er sollte vereidigt werden. W. und Frauchen stiegen in einem Motel ab und wir hatten ein schickes Zimmer. Als sie am nächsten Morgen zum Frühstück gingen, ich konnte einfach nicht anders, musste ich die Betten testen. Betten waren mir strengstens verboten, aber das waren ja geliehene Betten. Frauchen und W. haben es natürlich sofort bemerkt, als sie vom Frühstück zurückkamen. Aber sie sagten nichts sondern deckten den Mantel des Schweigens über meine kleine Frechheit.

Die Rache folgte ohnehin auf dem Fuße.  Die Blasmusik bei der Vereidigung war so laut, dass ich glaubte, mir fliegen die Ohren weg. Das nahm kein Ende, es war warm, ich war genervt, ich hatte Durst und wollte einfach nur nach Hause. Nach gefühlten Wochen war die Veranstaltung vorbei und wir fuhren mit Herrchen nach Hause. Ich glaubte das war‘s und jetzt ist wieder Ruhe. Doch am nächsten Tag, ich lag gemütlich vor mich hindösend auf der Couch, legte W. die Videokassette der Vereidigung, die er am Tag davor aufgenommen hatte, ein. Ich flog fast von der Couch, als die Blasmusik wieder in meinen Ohren dröhnte.

So konnte ich mit meinem Heim zufrieden sein. Aber ich spürte, es vollzog sich langsam eine Änderung. Am Anfang wusste ich es noch nicht einzuordnen aber langsam merkte ich, dass mein Herrchen sich immer mehr von mir zurückzog. Mittlerweile hatte er auch eine neue Freundin. W. und Frauchen, das ja eigentlich noch gar nicht mein Frauchen war, aber von mir dazu auserkoren wurde, waren mit der Partnerwahl meines Herrchens nicht glücklich. Mein Herrchen verbrachte immer mehr Zeit mit seiner neuen Freundin und, obwohl er sich noch um mich kümmerte, es war etwas anders geworden. Hinzu kam, dass ich einer dieser „gefährlichen“ Listenhunde war. Über die wurde immer mehr in den Medien geschrieben und gehetzt.

Frauchen und W.  fühlten sich in ihrer Wohnung nicht mehr wohl, das Umfeld hatte sich wesentlich verschlechtert und sie hatten vor auszuziehen. Allerdings gab es einen großen Hinderungsgrund schnell eine neue Wohnung zu finden. Dieser Hinderungsgrund war ich der Listenhund. Mittlerweile hatten viele Vermieter keine Lust mehr an Interessenten mit Listenhunden zu vermieten, da sie Ärger mit den restlichen Mietern befürchteten. W. und Frauchen führten lange Gespräche und überlegten, was man machen könnte. Zum Glück war es für sie nie ein Thema, mich abzugeben. Aber traurig war es schon, dass trotz der guten Stellung und dem seriösen Auftreten von W. und Frauchen sich kein neues Heim fand.

Bis sie eines Tages von einer Wohnungsbesichtigung zurückkamen und meinem Nochherrchen sagten, dass sie eine Wohnung gefunden hätten und meine Mitnahme kein Thema wäre. Anfangs war Herrchen etwas geschockt, lies sich aber nichts anmerken.

Damit begannen aufregende Wochen für uns. Zwei Wohnungen mussten renoviert werden und ich wollte auch rumtoben. Trotz der Hektik hatte Frauchen stets noch Zeit für mich und W. spielte oft mit mir. Aber die Zeit drängte und es musste mächtig gearbeitet werden. Der Tag des Umzuges rückte immer näher und damit wohl auch die endgültige Trennung von meinem bisherigen Herrchen.

Er zog nicht mit in die neue Wohnung, sondern wollte mit seiner neuen Freundin zusammenziehen. Na ja eigentlich war W. in den letzten Wochen ohnehin zu meinem Herrchen geworden. Ich spürte, dass meine Bindung zu ihm immer enger wurde und Frauchen war ohnehin schon immer meine Bezugsperson.

Bisher hatte ich unsere Campingabenteuer noch nicht erwähnt. Herrchen W. und Frauchen hatten einen Feststellplatz mit einem Campingwagen. Dort verbrachten wir viele schöne Stunden. Besonders gemocht habe ich unsere abendlichen Spaziergänge und wenn es zum Schwimmen ging. Leider waren mir einige der Mitcamper nicht sonderlich wohlgesonnen. Für sie war ich wohl nur der gefährliche Listenhund. Obwohl ich mir alle Mühe gab, immer freundlich zu sein. Was mir allerdings bei dem Mistköder nebenan sehr schwer viel. Dieser miese Köder hatte mich schon im Welpenalter angemacht. Vergessen habe ich ihm das nie. Die Besitzer glaubten, obwohl sie wenig Ahnung von Hunden hatten, sie sind die größten Hundekenner.

Die Besitzer des Campingplatzes mochte ich sehr, sie hatten stets ein paar Streicheleinheiten und manchmal sogar ein Leckerli für mich übrig. So kam es, dass ich oftmals nach dem Spaziergang vorrannte, um in ihre Rezeption zu kommen. Aber eines Tages waren da nicht die Besitzer, sondern deren Tochter. Autsch das hätte schief gehen können, denn ich war ja der gefährliche Listenhund. Doch auch die Tochter hat mich gleich gemocht und gestreichelt und gedrückt, ach war das schön.

Da wusste ich noch nicht, wie sich alles weiter entwickeln würde. W. ging es nicht gut und er musste ins Krankenhaus. Dadurch wurden unsere Besuche am Campingplatz immer seltener. Als es im besser ging, fuhren wir zwar noch öfter raus aber es war nie wieder so schön wie vorher. Sein bester Freund war gestorben und am Campingplatz hatte es große Veränderungen gegeben. Die alten Besitzer hatten verkauft und mit den neuen kam W. nicht klar.

(Wird fortgesetzt)

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Tiere.

15 Kommentare zu “Erinnerungen eines lieben Hundes (Teil 1)

  1. Karla sagt:

    Das ist so süß!

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  2. Dieter sagt:

    Sehr schön und einfühlsam geschrieben

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  3. JanJan sagt:

    Ich ahne schon irgendwie, dass die Geschichte nicht gut enden wird… Oder? 😦

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    • sigurd6 sagt:

      Nein @JanJan das weißt Du doch.

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      • JanJan sagt:

        Bin aber doch froh, dass du die Geschichte veröffentlicht hast. Musste mit dem Lesen des zweiten Teils warten bis Mann im Bett ist, sonst fragt er sich wieder warum ich heule…
        Kann mir gut vorstellen welch mulmiges Gefühl man bekommt, wenn der geliebte Hund plötzlich auf der Liste steht und zum Monster erklärt wird…

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        • sigurd6 sagt:

          Oh ja das war eine schwere Zeit. Die damalige Hysterie kann man heute kaum noch nachvollziehen. Ein Hund, der die Begleithundeprüfung hat und auch Therapiehund war, war von einem Tag auf den anderen ein gefährliches Monster.

          Er war der Lieblingspartner der Kinder beim Fußballspielen und plötzlich durften sie nicht mehr mit ihm spielen. Das verstanden weder die Kinder noch Butch.

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  4. lesenbiene sagt:

    Eine sooo schöne Geschichte, über einen Hund, der die Herzen seiner Besitzer im Sturm erobert hat, die sich gegenseitig Liebe und Kraft gegeben haben und allen Schwierigkeiten getrotzt haben.
    Ich lese weiter…

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    • sigurd6 sagt:

      Danke @Lesenbiene, diese Geschichte hatte ich schon vor drei Jahren aufgeschrieben. Immer wieder verändert und trotzdem immer gezögert sie zu veröffentlichen.

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  5. Ditschi sagt:

    Unsere Katzen waren Anfangs auch nicht gerade begeistert von Emma.Es ist schon was anderes,einen jungen Hund zu Katzen zu holen.Umgekehrt geht einfacher…

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