Bitte nicht schießen …

Im Juni 1967 besuchte der Schah von Persien Berlin und es kam zu erheblichen Protesten gegen ihn. Wo der Schah auch auftauchte, Demonstranten begrüßten ihn stets „freudig“. Es kam zu Vorfällen, die den, der sie damals sah oder miterlebte noch heute wütend machen. Schlägertrupps des Schah prügelten auf deutschem Boden auf Demonstranten mit dicken Latten ein und die Westberliner Polizei schaute dabei tatenlos zu.

Leider sollten jedoch die Demonstrationen und die Geschehnisse rundherum noch einen traurigen abscheulichen „Höhepunkt“ erhalten. Als ein Polizeibeamter in Zivil den Studenten Benno Ohnesorg durch einen Schuss in den Kopf tödlich verletzte. Und wie nach dem Mord, ja ich nenne es Mord denn die jetzt bekannt gewordenen Geschehnisse weisen eindeutig darauf hin, Spuren vernichtet wurden, dürfte einmalig in der deutschen Geschichte sein. Ein Stück des Schädelknochens wurde entfernt, um eventuelle Schmauchspuren zu beseitigen. Der Student wurde lebensgefährlich verletzt und soll von 2 Berliner Krankenhäusern abgewiesen worden sein und erst ein drittes nahm ihn auf.

Die Geschehnisse des 2. Juni 1967 haben die Studentenunruhen erst richtig entfacht. Rudi Dutschke war einer der Führer der APO und immer mehr schlossen sich der damaligen Studentenbewegung (SDS)an. Aufgestachelt durch den Vietnam-Krieg, der ersten Großen Koalition in der Bundesrepublik und eben durch den Mord an Benno Ohnesorg gab es 1967 und 68 erhebliche Studentenproteste. Auch gegen die verhasste Springerpresse, sowie die atomare Aufrüstung ging man auf die Straße oder zu Protestveranstaltungen.

Und genau diese Bewegung sollte Deutschland grundlegend verändern. Sprüche wie „Unter den Talaren steckt der Mief von tausenden von Jahren“, oder „Macht kaputt was euch kaputtmacht“ wurden immer wieder skandiert. Oder „Bürger lasst das Gaffen sein, kommt herunter reiht euch ein“.

Wer die Zeit der 50er und 60er Jahre im Nachkriegsdeutschland nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen unter welch einem Nachkriegsmief wir damals litten. Kinder und Jugendliche hatten den Erwachsenen praktisch bedingungslos zu gehorchen. Widerspruch gab es nicht und in der Schule herrschte Ordnung bis zur Penibilität. Lehrer, Richter, Polizei und Beamte waren teilweise noch aus der Hitlerzeit und hatten demnach ganz andere Vorstellungen als die Jugendlichen. Kurzum es war alles sehr gezwungen und wenn heutige Kinder und Jugendliche ihre Schulzeit oder Berufsausbildung so erleben würden wie sie damals waren, sie würden höchstwahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch bekommen.

In England gab es vor Jahren einen Versuch Kinder nach den Methoden der 50 Jahre zu erziehen. Er musste nach einigen Tagen abgebrochen werden, da die Schüler tatsächlich mit den Nerven völlig fertig waren. Das aber nur als Marginalie.

All das was ich versucht habe darzustellen, und noch vieles mehr, entlud sich im Jahr 1968 wie ein Dampfkessel, dessen Überdruck man zu lange unterdrückt hatte. Und vieles was heute selbstverständlich ist, war erst durch die 68er Revolution möglich geworden. Ob das alles gut ist, wie es sich entwickelte, das soll jeder für sich entscheiden.

Aber zurück zu den Studentenunruhen. Es kam auch dort, wie es kommen musste, nachdem Rudi Dutschke angeschossen wurde und man Axel Springer praktisch alleine dafür verantwortlich machte, war der führende Kopf nicht mehr da und man begann sich zu zerstreiten. Endlose, ermüdende Diskussionen führten praktisch zu keinem Ergebnis und der Studentenbewegung war es auch nie gelungen, eine große Zahl der Arbeiterschaft für sich zu gewinnen. Im Gegenteil sie wurden immer heftiger angefeindet und Sprüche wie „geht doch rüber“ oder „euch sollte man aufknüpfen“ waren an der Tagesordnung. Die Atmosphäre in Westberlin war unheimlich aufgeheizt und so verlief sich die Bewegung und ging teilweise in der KPD und später bei den GRÜNEN auf. Der militante Teil der Bewegung gründete die RAF und glaubte, die Revolution mit Gewalt gegen Führungskräfte des Establishments fortsetzen zu müssen. Ein Irrweg der so aberwitzig war, dass die RAF schnell isoliert war. Eine Nachfolgegruppe der RAF nannte sich nach den Ereignissen von 1967, „Bewegung 2. Juni“. Ich glaube, darüber hätte sich Benno Ohnesorg nicht gefreut.

Der Todesschütze von Benno Ohnesorg wurde freigesprochen und im Jahr 2009 kam heraus, dass er ein Stasispitzel war der eigentlich zur ostdeutschen Volkspolizei wollte. Wie hätten sich die Menschen verhalten, wenn sie das damals erfahren hätten? Hätten sie die Studentenbewegung eventuell mit anderen Augen gesehen? Eine Frage, die man natürlich nicht beantworten kann.

Schlimm nur, dass der Todesschütze des Benno Ohnesorg nie richtig zur Rechenschaft gezogen wurde. Dass man heute weiß, welch ein verbohrter Waffennarr er war, dem offensichtlich das Schießeisen so locker saß wie einst Wyatt Earp.

Der Schuss auf Benno Ohnesorg hat die Bundesrepublik verändert wie kein zweites Ereignis nach dem 2. Weltkrieg. Es ist wohl wenig Trost für seine Familie, dass die Gesellschaft in den nachfolgenden Jahrzehnten wesentlich toleranter wurde.

Heute würde ich mir wünschen es ginge solch ein Ruck durch die Jugend wie zu Zeiten der 68er. Den Grund wäre genug vorhanden. Sei es die da oben endlich zu Maßnahmen gegen die Klimaveränderung zu zwingen außer den Lippenbekenntnissen die von Politikern und Politikerinnen abgegeben werden und die Unternehmen und ihre grenzenlose Profitgier überhaupt nicht interessiert. Oder dem aufkommenden Populismus entgegenzuwirken.

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4 Kommentare zu “Bitte nicht schießen …

  1. rabohle sagt:

    Der Ruck in der Jugend ist schon da – aber in eine andere Richtung.

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  2. WernerBln sagt:

    Manches an dem, was Sie ausführen ist richtig. Aber richtig ist auch, dass die von Ihnen konstatierte „68er Revolution“ auch zu Gewalt und Terror führte (Baader Meinhof und Co.). Als 69er Berufsanfänger sehe ich aus meiner Erfahrung da vieles aus einem anderen Blickwinkel!

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