Ein Sonntag im August

Es war kein schöner Sonntag. Der Himmel weinte, so als wäre er mit dem was an diesem Tag geschah nicht einverstanden. Es war der Tag, an dem die Teilung Deutschlands im wahrsten Sinn des Wortes zementiert wurde.

Am 13. August 1961 wurde ich morgens gegen 8:00 Uhr durch das Rasseln von Panzerketten geweckt. Damals war ich gerade 11 Jahre alt und wohnte natürlich noch in meiner Geburtsstadt in Franken. Wir wohnten in einem zwei Familienhaus und die Straße in der wir wohnten, war eine sogenannte Ausfallstraße hin zum Fichtelgebirge und zur Autobahn. Nun muss man sich das so vorstellen, an Wochentagen war geringfügiger Verkehr und am Sonntag eigentlich kaum. Jedenfalls nicht morgens um 8:00 Uhr. Und Panzer am Sonntag? Das kannten wir schon gar nicht. Ich sprang aus dem Bett und machte das Rollo hoch. Panzer auf Panzer mit amerikanischen Soldaten in voller Kampfmontur fuhren Richtung Autobahn.

Meine Mutter kam zu mir rein und fragte mich, was da los sei, ich dachte erst an ein Manöver. Aber am Sonntagmorgen um 8:00 Uhr? Also machten wir das Radio an und hörten die Reportage aus Westberlin. Die Grenze zur damaligen DDR war über Nacht geschlossen worden. Alle Verbindungen der beiden Stadthälften wurden gekappt. Und am Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie sollen sich amerikanische und russische Panzer gegenüber stehen. Meine Mutter dachte sofort an die schrecklichen Erlebnisse des 2. Weltkrieges und befürchtete, das könne nun wieder geschehen. Wie wir alle wissen, soweit kam es zum Glück nicht.

Wir hatten natürlich längst das Fernsehgerät eingeschaltet und sahen die Bilder aus Berlin. Dazu muss ich sagen, Fernsehprogramm um diese Zeit gab es in den 60er Jahren eigentlich nicht, es war natürlich eine Sonderberichterstattung. Und diese zog sich dann fast über den gesamten Tag hin.

Heute scheint es unvorstellbar, wie man die Lebensadern einer großen Stadt im Handstreich zerschneiden kann, doch die Herren in Ostberlin schafften es. Natürlich mithilfe der damaligen Sowjetunion. Ich erinnere mich noch heute an Bilder die mich, wenn ich sie heute sehe noch immer erschaudern lassen. An eine junge Frau, die mit ihrem Pullover im Stacheldraht hängen blieb, oder an Menschen die versuchten sich an Bettlaken abzuseilen und an einen Volkspolizisten der es mit einem kühnen Sprung schaffte in den Westen der Stadt zu gelangen. Das alles hat einen damals sehr bedrückt und wie muss es erst den Menschen in West- und Ostberlin gegangen sein? Deren Familien urplötzlich auseinandergerissen wurden?

Nie hätte ich gedacht, dass ich es erleben würde, dass die Mauer einmal nicht mehr quer durch Deutschland gehen würde. Doch es kam zum Glück anders. Doch statt darüber froh zu sein, scheint das einigen nun auch wieder nicht zu gefallen.

Manches kann man eben tatsächlich nur schwer verstehen. Heute vor 56 Jahren spielten sich in der Stadt in der ich seit nunmehr fast 49 Jahren lebe unbeschreibliche Szenen der nackten Verzweiflung und der nackten Wut ab. Vielleicht sollte man daran mal denken, wenn „Westler über „Ostler“ oder „Ostler“ über Westler“ schimpfen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blog.

13 Kommentare zu “Ein Sonntag im August

  1. WernerBln sagt:

    Ich war an diesem Tag 9 Jahre alt und natürlich in Berlin (West). An dem Sonntag und in den folgenden Tagen waren meine Eltern sehr bedrückt und es liefen ständig Radio und TV. So richtig verstanden habe ich das damals natürlich noch nicht. In dem Alter war das erstmal spannend und aufregend.

    Allerdings sind mir mehrere Dinge bis heute unvergesslich in Erinnerung geblieben:

    Ab Montag musste ich meinen Eltern helfen, Vorräte vom Tante-Emma-Laden nebenan in unsere Etagenwohnung zu schleppen. U.a. köstliche Dinge, wie Milchpulver, Kartoffelpulver, Palmin, Trockenobst etc.

    Mein Vater war damals arbeitslos und man musste regelmäßig beim Arbeitsamt persönlich vorsprechen um das Arbeitslosengeld bar zu beziehen. Zuständig war das Arbeitsamt in der Charlottenstraße, das existiert auch heute wohl noch, natürlich als Agentur. Wenn meine Mutter arbeiten war, hat mein Vater mich mehrfach zu diesen Terminen mitgenommen. Wir sind U-Bahn Kochstr. (Checkpoint Charlie) ausgestiegen, im Oktober 61 standen sich ja da die Panzer beider Seiten gegenüber. Da gibt es einen Durchgang zur Charlottenstraße, den wir immer benutzten und da stand nun ein amerikanischer Schützenpanzer, an dem wir uns vorbeidrücken mussten (für mich gab es Cadbury von den GI).

    Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch ein Bild aus der Friedrichstraße und zwar dem Teil unmittelbar am Checkpoint, wo die Kampfpanzer standen. Altberliner Wohnhaus, zwei Fenster nebeneinander (also selbes Zimmer), beide weit offen; ein Fenster zur Hälfte mit Sandsäcken gefüllt, aus denen ein MG-Lauf ragte, samt zwei Amis dahinter, die aus Porzellantassen Kaffee tranken, im Fenster daneben eine Oma, wohl die Kaffeeköchin und Mieterin, die auf ein Kissen gelehnt die Szenerie betrachtete.

    In den Folgemonaten gab es diverse „Kriegsübungen“ in Wohngebieten. Morgens standen plötzlich mehrere Schützenpanzer, LKW, Jeeps etc. im Kiez, bei uns (amerikanischer Sektor) natürlich US-Einheiten. Das führte wegen der großzügigen Abgabe von Süßigkeiten aller Art und Coke sowie der Besichtigung der Fahrzeuge von innen und außen regelmäßig zu Ärger mit der Schule, wg. verspäteten Erscheinens.

    Übrigens hätte auch ich mir in den Folgejahren nicht träumen lassen, dass es noch zu meinen Lebzeiten zur Einheit kommen würde, an deren Umsetzung ich noch aktiv mitwirken durfte.

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  2. JanJan sagt:

    Der einzige Tag des Grauens war höchstens der, als die Mauer wieder fiel…

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  3. ballblog sagt:

    Ein sehr schöner Bericht von Dir, @sigurd 6 – und auch die Antwort von @WenerBln ist sehr plakativ und von innen heraus.

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  4. rabohle sagt:

    Vom Mauerbau nichts mitgekommen, aber ähnlich WernerBln war es für mich bis 1989 undenkbar, dass die Mauer fällt oder sich etwas ändert. Die DDR war eben Ausland.

    Das änderte sich erst nach den ersten Flüchtlingen aus Prag, weil wir diese hier auch rechtlich betreut haben; da kam zum ersten Mal die Einsicht, dass sich etwas ändern könnte.

    @JanJan
    Ich verstehe es auch nicht – wie wäre es denn einmal mit Aufklärung.

    Ein Volk wurde eingesperrt, bespitzelt und betrogen. Das Ende einer solchen Herrschaft war dann für Dich das Grauen? Die Freiheit ??

    Ich habe fast geheult, als ich durch das Brandenburger Tor gefahrlos gehen konnte. Das war mich mit einer der größten Momente unserer Geschichte.

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