Berlin nun freue Dich!

Das war der Ausspruch des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper zum Fall der Mauer im Jahr 1989. Und die Freude war damals natürlich überall zu spüren. Endlich war dieser schier undurchdringliche Wall zerbröckelt unter den Hammerschlägen der Mauerspechte, wie man sie damals nannte.

Und nun? Wie sollte man heute sagen? Deutschland nun freue dich? Ich kann nur von meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächen ausgehen und da ergibt sich ein eher etwas gespaltenes Bild. Es ist viel passiert in den letzten Jahrzehnten. Wer kurz nach dem Mauerfall in der DDR unterwegs war, wie ich z. B., der konnte die Sprüche des damaligen Finanzministers Waigel und seines Bundeskanzler Kohl, dass die Wiedervereinigung aus der Portokasse bezahlt wird, kaum nachvollziehen. Ich fühlte mich, wenn ich durch ostdeutsche Dörfer kam in meine Kindheit der 50er Jahre versetzt. Da hat sich unglaublich viel getan. Die Infrastruktur ist, so würde ich meinen, hervorragend hergestellt und viele Städte und Dörfer sind kaum wieder zu erkennen.

Das würde ja dafür sprechen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger wohlfühlen müssten. Doch ist es tatsächlich so? Oft hört man, dass man sie nicht mitgenommen hat in die „neue Zeit“. Sie fühlen sich abgehängt und oftmals als Bürger zweiter Klasse. Sie sagen, die Westler haben überhaupt kein Interesse an ihren Nöten und Sorgen. Sie wurden in ein System gezwängt, das sie nicht kannten und eigentlich noch immer nicht so recht durchschauen. Viele ihrer Arbeitsplätze gingen verloren und eigentlich auch ihre Identität. Was nutzen die vollen Regale, wenn man sich vieles kaum leisten kann.

Im Westen werden die Bürgerinnen und Bürger der östlichen Bundesländer oftmals als Schmarotzer angesehen die außer die AfD zu wählen nichts auf die Reihe bekommen und undankbar sind. Man steckt ihnen alles in den Rachen und die Solidarabgabe (Solidaritätszuschlag) habe ihnen doch lange genug geholfen. Vergessen dabei jedoch allzu gerne, dass diese Abgabe auch im Osten verlangt wird.

Nicht ganz so krass ist es allerdings in Berlin. Auch hier merkt man zwar noch gewisse Unterschiede, jedoch verschwimmen sie mehr und mehr. Ich kann mich gut erinnern, dass man in den Jahren nach dem Mauerfall noch immer schaute wo die Mauer einmal war. Heute interessiert das, zumindest mich und die die ich kenne keinen mehr. Sie ist weg und das ist gut so. Die Menschen der Stadt beginnen sich als Bürgerinnen und Bürger einer Stadt zu fühlen, auch wenn es in den Wahlergebnissen nicht so aussehen mag.

Zwischen Jugendlichen gibt es, soweit ich das beurteilen kann, kaum noch diesen Ost/Westgedanken. Wie denn auch sie haben es ja nicht erlebt. Sie können sich wahrscheinlich kaum vorstellen was eine Mauer mitten durch die Stadt und das gesamte Land eigentlich bedeutet hat.

Die Mauern in den Köpfen der Älteren werden langsam auch niedriger, ganz verschwinden werden sie wohl nicht mehr. So kann man nur hoffen, dass man trotz aller Widrigkeiten, die es gibt und die gibt es, zusammenwächst was zusammen gehört, wie es der Architekt der deutschen Einheit Willy Brandt so treffend formulierte. Der Weg dorthin ist noch weit, sollte aber zu schaffen sein.

Wie sagte ein italienischer Journalist vor einigen Jahren am 3. Oktober, „ihr Deutschen seid ein komisches Volk. Italiener würden jedes Jahr ein knalliges Fest am Tag der Einheit feiern. Ihr aber mosert lieber herum, was alles noch nicht passt“.

Vielleicht wird man es auch bei uns eines Tages begreifen, was uns in den Tagen und Wochen im Jahre 1989 geschenkt wurde. Nicht wenige haben es, so glaube ich, jetzt schon begriffen. Beim Rest sollte man die Hoffnung nicht aufgeben.

Na dann, Berlin nun freue Dich, wir sind auferstanden aus Ruinen um in Einigkeit und Recht und Freiheit friedlich zusammen zu leben. Macht‘s gut Nachbarn, wie ein ehemaliger Abendschaumoderator immer zu sagen pflegte.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Berlin.

2 Kommentare zu “Berlin nun freue Dich!

  1. WernerBln sagt:

    Stimme zu, insbesondere Kompliment zu den letzten zwei Absätzen!
    Ich hatte die Möglichkeit (und die Ehre) an diesem Prozess damals ziemlich aktiv mitzuwirken. Das war eines der gravierenden Ereignisse meines Lebens, an das ich mich bis zum Ende meiner Tage erinnern werde. Ich kann nur hoffen, dass es trotz des Dilettantismus gewisser Politiker zu einem guten Ende kommt.

    OT:
    Wir haben die Evakuierung von Friedenau wegen der Bombe grade mal um max. 50 Meter verfehlt; Straßensperre vorm Haus und Nachbarhäuser geräumt. Zum Glück alles ohne Probleme erledigt!

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