Die Revolution entlässt ihre Kinder?

Oder was wurde aus den Zielen der 68er?

Es ist, man mag es fast nicht glauben, 50 Jahre her als die Studenten im damaligen Westberlin auf die Straße gingen um den Nachkriegsmief kräftig durchzulüften. Alles begann, wie fast immer ganz harmlos um sich stetig und praktisch unaufhaltsam weiter zu entwickeln, ja schließlich zu eskalieren.

Die Ausgangslage war etwas verworren und zunächst auch relativ unspektakulär. In den USA gab es erstmals massive Proteste gegen einen von den USA geführten Krieg in Vietnam. Der Prager Frühling wurde von Truppen des Warschauer Paktes erstickt und Frankreich war mit dem Konflikt in Algerien beschäftigt. In Kuba hatten die Rebellentruppen von Fidel Castro und Che Guevara den bis dahin regierenden Fulgencio Batista gestürzt und Che wurde durch seinen frühen Tod ein Mythos der Revolution. Zusammen mit Ho Chi Minh und Mao.

Ein Auslöser für die immer massiveren Studentenunruhen im Jahr 1968 war auch der Tod des Studenten Benno Ohnesorg der von einem Berliner Polizeibeamten, ich schreibe es mal vorsichtig, erschossen wurde. Und das unter mehr als fragwürdigen Umständen. Diese wurden erst vor einigen Jahren einigermaßen aufgeklärt und man hatte damals, so schien es jedenfalls, wenig Interesse Zeugen zu hören, die den Sachverhalt hätten aufklären können.

Die Studentenbewegung hatte in Rudi Dutschke einen charismatischen Anführer. Er verstand es, die Bewegung zu führen und, jedenfalls in der jungen Generation der 60er Jahre, populär zu machen. So kam es, dass eine Generation nach diesen Ereignissen genannt wurde. Wer damals auf die Straße ging, oder sich für eine Veränderung der miefigen Nachkriegszeit einsetzte, gehört zur Generation der 68er.

Was waren denn nun die Ziele? Einen Mythos muss ich gleich zerstören. Wenn, wie oft behauptet wird, die 68er nicht nur wegen der Kriege auf die Straßen gingen, sondern auch für die Gleichheit von Mann und Frau, so ist das ein Ammenmärchen. Denn ein großer Teil, auch der Führungsschicht der Studentenbewegung hatte kein wesentlich anderes Verständnis für Frauen wie ihre Väter.

Die Ziele der 68er wurden niemals belastbar erforscht und so bleibt vieles im Mythos stecken. Es ist somit eher Auslegungssache der jeweiligen Betrachter, was die eigentlichen Ziele waren.

Klar dürfte sein, dass man im Nachkriegsmief zu ersticken drohte und die junge Generation dies nicht mehr mitmachen wollte. Ebenso waren damals autoritäre Führungsstile normal. Weder in der Schule noch im Beruf hatten junge Menschen auch nur die geringste Chance diesen Autoritäten zu entkommen. Einem jungen Menschen aus den 1990er Jahren bis heute kann man überhaupt nicht klar machen wie junge Menschen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegängelt wurden.

Kurzum es gab eine Menge Gründe weshalb die junge Generation, nicht nur Studenten, die Nase voll hatten.

Die 68er Bewegung hat einige verändert in diesem Land, wird jedoch, so finde ich, oftmals auch zu sehr hochstilisiert. Den ohne, dass es bemerkt wurde, hatte die Industrie sich sehr schnell auf das veränderte Konsumverhalten der 68er eingestellt. Jeans waren sehr schnell angesagt und T-Shirts mit den verschiedensten Köpfen der Bewegung schwappten auf den Markt. Das jedoch nur als Marginalie.

Die APO war auch eine Antwort auf die damalige Große Koalition unter dem Bundeskanzler Kiesinger. Es gab praktisch überhaupt keine Opposition im Bundestag, der damals ja noch in Bonn tagte. Es waren ja nur drei Parteien im Bundestag vertreten. Die CDU/CSU, SPD und FDP. Mit dem Wahlsieg der SPD und dem Beginn der Kanzlerschaft Willy Brandts und seinem für damalige Verhältnisse revolutionären Ausspruch, „mehr Demokratie wagen“, sorgte er ohnehin für frischen Wind im Land. So verlor die APO auch an Faszination für junge Leute. Zumal nach dem Attentat auf Rudi Dutschke auch der charismatische Führer fehlte.

Willy Brandt war die neue Führungsfigur vieler Menschen im Land und man verband mit ihm die Hoffnung auf ein neues Deutschland.

Was also bleibt von der 68er Bewegung? Sie war damals notwendig um eine Veränderung herbei zu führen. Doch nicht alles was man heute gerne als Ergebnis den 68ern zuschreibt, ist tatsächlich ein Ergebnis aus der damaligen Bewegung. Die 68er haben einiges angestoßen. Doch die Weiterführung war dann Sache der nachfolgenden Generationen.

Wie hieß es damals? Wir gehen den Gang durch die Institutionen. Das ist dann auch geschehen. Doch manchmal habe ich den Eindruck, es wurde zu intensiv verändert.

Aber dieser Eindruck kann mich natürlich auch täuschen. Soweit mein kleiner Rückblick auf die 68er, der natürlich sehr subjektiv ist und auch sehr oberflächlich. Jedoch lese ich gerne, wenn euch zu der Zeit etwas einfällt, oder es gibt noch Zeitzeugen, die alles hautnah erlebten.

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6 Kommentare zu “Die Revolution entlässt ihre Kinder?

  1. WernerBln sagt:

    „Wie hieß es damals? Wir gehen den Gang durch die Institutionen. Das ist dann auch geschehen. Doch manchmal habe ich den Eindruck, es wurde zu intensiv verändert.“

    Und wie, dies aufzudröseln würde aber diesen Blog sprengen!

    Na ja und meine Erinnerungen:

    Als Jahrgang 1951 war ich / wir als Schüler in den 60ern mit wirklich zum Teil unmöglichen Paukern erstmal auf links gepolt. Auch ich hatte durchaus Sympathie für die 68er.

    Ich habe aber dann aber auch erlebt, dass bei uns als Kollegen meiner Mutter verkehrende Polizeibeamte völlig fassungslos über die Ereignisse waren. Besonders in Erinnerung ist mir der Bericht eines Bekannten meiner Eltern anlässlich einer Demo (glaube war Dutschke/Springer). Da wurde der Wasserwerfer ( damals längst nicht so gepanzert) mit Moniereisen durch die Scheiben und Brandsätzen attackiert und letztlich wurde die Tür aufgebrochen. Die Besatzung, grade den Moniereisen entgangen, hat in dieser Situation die Dienstwaffen gezogen. Darauf wurde ihnen ein Kleinkind als „Schutzschild“ entgegen gehalten. Die Situation wurde zum Glück durch Verstärkung bereinigt.

    Nun kann man das natürlich als „böse Propaganda“ abtun. Aber, wie gesagt, ich kannte die Beamten seit Jahren als gute Bekannte der Familie. Wenn man dann einen gestandenen Polizisten bei der Schilderung derartiger Ereignisse den Tränen nahe erlebt, ist das schon ziemlich beeindruckend.

    Dies und weitere Einsatzschilderungen haben mich u.a. dann auch zu meiner Berufswahl 1969 bewegt!

    Fazit:
    Manches damals war berechtigte Kritik. Nicht berechtigt waren die Gewalttaten zur Durchsetzung der „guten Sache“.
    Ups, erinnert uns das heute irgendwie an irgendwas?

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    • rabohle sagt:

      Gwalttaten sind niemal ein Rechtfertigungsgrund. Auf BEIDEN Seiten.

      Ich z.B. habe andere Situationen in Erinnerung:
      Auf friedliche „Schah-Demonstranten“ wurde von persischen Geheimdienstlern (wieso durften die überhaupt einreisen?) mit Latten etc. eingeschlagen. Die Polizei stand daneben, hat nicht eingegriffen und das „Tun“ der Perser grinsend gebilligt. DANACH kochten die Emotionen erst hoch.

      Aber es bringt nichts, mit „Aber der hat zuerst angefangen“ Kindergartenspiele aufzubrösen.
      Demonstrationsrecht ja; Gewalt nein.
      Ich denke, da sind sich alle einig.

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    • sigurd6 sagt:

      @WernerBln: Der Gang durch die Institutionen war mir oftmals auch zu intensiv. Da wurde auch einiges falsch gemacht..

      Ich glaube, es wird auch niemand ernsthaft behaupten wollen, dass alles richtig war, was damals geschah.

      Mit der Gewalt angefangen hatten jedoch nicht die Demonstranten. Damit ist die Gewalt, die dann von ihnen ausging jedoch keinesfalls zu rechtfertigen.

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      • WernerBln sagt:

        Zum letzten Abs.:
        Das sehe ich durchaus nicht so, wird Sie nicht verwundern, ist aber auch gut so
        😉

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        • sigurd6 sagt:

          Weshalb sollten Sie nicht anderer Meinung sein. Jeder sieht es eben aus seiner Sicht. Aber zur Auffrischung wie die Gewaltspirale begann, hier eine Doku, die anlässlich des 50. Todestages von Benno Ohnesorg im 1. Programm lief. Auch diese ist natürlich subjektiv zu betrachten.

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