Das Jahr der Jubiläen – Teil 2

Der 1. Mai 1968 war ein Mittwoch. Und so langsam kam dann doch ein leichtes kribbeln der Unruhe in mir hoch. Immer wenn ich mich in einer netten Runde mit Freunden befand, kam natürlich das Thema meines Wegzuges hoch. Das Echo darauf war durchaus zweigeteilt. Einige fanden es toll und andere konnten es nicht verstehen.

Mir war damals auch nicht klar, dass langjährige Freundschaften dadurch irgendwann nicht mehr da sein werden. Denn was waren denn die paar Kilometer ins Allgäu oder eben später nach Berlin? Damals gab es ja weder Handys noch Smartphones. Kein Internet, sondern es waren Briefe und Postkarten angesagt. Klar wurde sich gegenseitig beteuert, man werde sich immer besuchen. Und in den ersten Jahren war es dann auch so. Dass jedoch irgendwann jeder sein eigenes Leben führen würde, war mir nicht bewusst. Aber das war ja Zukunftsmusik.

Ich begann am 1. Mai damit mich so langsam auf meine vorläufige „Abschiedstournee“ zu begeben. Mein Bekanntenkreis war relativ groß und bezog sich nicht nur auf meine Geburtsstadt, sondern ging bis in einige Orte im Fichtelgebirge. Dort lernte ich im Lauf der Zeit auch viele junge Berliner kennen die dort alleine oder mit ihren Eltern Urlaub machten. Auch die ehemaligen Kollegen meines Lehrbetriebes wollte ich noch einmal besuchen. Die Kollegen waren eigentlich die, die am wenigsten mit meinen Plänen anfangen konnten.

Doch meine Mutter hatte schweren Herzens ihre Zustimmung gegeben und mein Einstellungstermin im Allgäu war der 08.05.1968. Also genau am Tag meines 18. Geburtstages. Das jedoch war eher Zufall. Es war also klar, dass ich nun nicht mehr zurückkonnte und das wollte ich auch nicht.

Im Gegenteil, auch wenn mir immer wieder Bedenken eingeredet wurden, so war ich sehr gespannt, was mich im Allgäu erwarten würde. Sehr nett fand ich von dem Druckereibesitzer, dass mir der Tag der Anreise schon als voller Arbeitstag bezahlt wurde.  Ich wäre natürlich einen Tag früher angereist, jedoch bestand er darauf, dass ich zumindest morgens noch meine Mutter sehen konnte. Wie würde ich dort von den Kollegen aufgenommen werden? Wie würden die Einheimischen auf einen Franken reagieren? Für die Bayern ist ja jeder, der von oberhalb des Weißwurstäquators (Donau) kommt, ein Saupreiß. Und Franken und Bayern verbindet ohnehin eine „innige Freundschaft“.

Jedoch war meine Neugierde größer als die Bedenken, die ich natürlich auch hatte. So machte ich mich daran Fahrkarten für die Bahnfahrt zu besorgen. Damals wurde man am Fahrkartenschalter noch richtig beraten. Wo man umsteigen musste und welcher Zug auf welchem Gleis einfährt und auf welchem Gleis der Anschlusszug wegfährt. Das war am Hauptbahnhof in Nürnberg eine echte Herausforderung. Ich musste dort praktisch fast vom letzten Gleis auf eines der vordersten kommen. Und wenn ich mich recht erinnere, der Hauptbahnhof von Nürnberg war sehr groß.

Auch war ich auf die Unterkunft im Allgäu gespannt. Vorsichtshalber packten wir auch einen kleinen Tauchsieder ein. Damit ich mir Wasser für einen Kaffee oder Tee warm machen konnte. Ich hatte ja nicht die geringste Ahnung, wie mein Zimmer aussehen würde und ob dort eine kleine Kochgelegenheit vorhanden war.

Die letzten Tage vergingen schon deshalb wie im Flug, denn ich war laufend unterwegs. Und so kam der Tag der Abreise immer näher.

Fortsetzung folgt.